Maskenschnitzen
Handwerk erhält Kulturgut: Das neue Gesicht der Lötschentaler Maskentradition
Sicher arbeiten in asbesthaltiger Umgebung: Risiken erkennen, Schutz gewährleisten
Der Bergsturz von Blatten im Mai 2025 hat nicht nur Gebäude zerstört, sondern auch jahrzehntelang gewachsenes Kulturgut bedroht. Maskenschnitzer Bruno Ritler restauriert bei den Aufräumarbeiten geborgene Lötschentaler Masken und leistet damit einen wichtigen Beitrag zum Erhalt einer lebendigen Tradition im Holzhandwerk.
In einem Keller im alten Dorfteil von Wiler liegt der Duft von Arvenholz in der Luft. Auf einer Hobelbank liegen Schnitzeisen, an den Wänden hängen verschiedene Werkzeuge, Maschinen stehen bereit. Am Boden sammeln sich Holzspäne, die Bruno Ritler von Zeit zu Zeit mit einer geübten Handbewegung aus der Maske wischt. Konzentriert sitzt er auf einem kleinen Hocker und trägt gerade die äusserste Schicht der Innenseite ab. Was hier entsteht, ist mehr als handwerkliche Restaurationsarbeit. Es ist ein Beitrag zum Erhalt einer prägenden Ausdrucksform des Lötschentaler Brauchtums.
Wenn ein Dorf sein Gedächtnis verliert
Der Bergsturz vom 28. Mai 2025 hat Blatten im Lötschental tief getroffen. Häuser wurden zerstört, Infrastruktur unbrauchbar gemacht. Doch neben dem sichtbaren Schaden ging auch etwas verloren, das schwerer zu beziffern ist: Kulturgut. Jahrzehntelang gewachsene Sammlungen, historische Einrichtungen und Zeugnisse lokaler Traditionen verschwanden unter Geröll.
Auch das Maskendepot von Bruno Ritler blieb nicht verschont. Rund 160 Masken lagerten in einer ehemaligen Scheune am Rand des betroffenen Gebiets. «Durch den Bergsturz ist sehr viel Kulturgut kaputtgegangen», sagt Ritler. Die Scheune wurde nicht direkt von der Schutt- und Eislawine erfasst, sondern durch ein einstürzendes Mehrfamilienhaus zerstört. Lange war unklar, ob überhaupt etwas geborgen werden kann.
Einschnitt für Dorf und Kulturgut
Der Bergsturz vom 28. Mai 2025 zerstörte weite Teile von Blatten. Neben Wohnhäusern und Infrastruktur gingen auch historisch gewachsene Einrichtungen verloren. Dazu gehörten neben einer über Generationen hinweg funktionstüchtig gebliebenen Säge und Mühle ein jahrhundertealter Dorfbackofen, in dem regelmässig Backtage für Interessierte organisiert wurden. Solche Anlässe waren nicht nur Teil des Alltagslebens, sondern auch Ausdruck gelebter Dorfgemeinschaft und regionaler Kultur.
Mit dem Verlust verschwand nicht nur materielle Substanz, sondern auch ein Teil des kulturellen Gedächtnisses des Dorfes. Dazu zählte der einzige grössere Maskenkeller von Blatten, dessen Sammlung das Dorf durch das Tragen der Masken nach aussen repräsentierte. Die Bergung, Pflege und Renovation verbliebener Kulturgüter leisten deshalb einen wichtigen Beitrag zur Bewahrung der Identität und Geschichte von Blatten.
Dass heute ein Teil der Masken wieder existiert, ist dem Zufall, viel Geduld und harter körperlicher Arbeit zu verdanken. Bruno Ritler war aufgrund seiner beruflichen Tätigkeit beim Werkhof & Forst Lötschental selbst in die Aufräumarbeiten eingebunden. Da sich die Masken in einem Sperrgebiet befanden, herrschte wochenlang Ungewissheit. «Die grösste Herausforderung war der emotionale Aspekt», sagt er. «Ich durfte die Scheune nicht betreten, obwohl sich die Trümmer ständig in meinem Blickfeld befanden.» Gemeinsam mit der Schweizer Armee konnten schliesslich rund 110 Masken aus den Trümmern geborgen werden.
Masken als Spiegel einer gewachsenen Kultur
Die Faszination für die Tschäggättä, wie die wilden, schaurigen Fasnachtsgestalten im Lötschental genannt werden, begleitet Bruno Ritler seit seiner Kindheit. «Als ich zum ersten Mal eine Tschäggätta sah, war das ein einschneidendes Erlebnis», erinnert er sich. Diese Begegnung habe ihn nie mehr losgelassen. Die von ihnen getragenen Holzmasken – im Lötschental auch als Larven bezeichnet – sind Ausdruck eines Brauchs, der sich über Generationen kaum verändert hat und bis heute tief im kulturellen Selbstverständnis des Lötschentals verankert ist.
Tschäggättä sind mythische Gestalten, die früher bei den Einheimischen Angst und Schrecken verbreitet haben, erzählt Bruno Ritler. «Die Masken sollen deshalb auch eine gewisse Furcht beim Betrachter auslösen.» Eine gute Maske müsse allerdings nicht zwingend furchteinflössend sein, betont er. Entscheidend sei der Ausdruck. «Sie kann auch ein hinterhältiges Grinsen zeigen.»
Ausserdem habe jede Larve ihren eigenen Charakter, und über die Jahre entstehe oft eine enge Verbindung zwischen Träger und Maske. Gleichzeitig spielt der Tragekomfort eine zentrale Rolle: Sie muss leicht und angenehm zu tragen sein. Geschnitzt wird im Lötschental traditionell aus Arvenholz. «Im Vergleich zur Linde ist Arve leichter, und dem Duft wird eine beruhigende Wirkung nachgesagt – das spürt man auch beim Schnitzen», so Ritler.
Die Tschäggättä im Lötschental
Tschäggättä sind zentrale Figuren des Lötschentaler Fasnachtsbrauchtums. Zwischen Maria Lichtmess (2. Februar) und Aschermittwoch ziehen sie bekleidet mit Fell, alten Kleidungsstücken, schweren Glocken und einer geschnitzten Holzmaske meist in kleinen Gruppen durch die Dörfer des Tals und erschrecken gezielt Passanten. Lange Zeit war der Brauch ausschliesslich ledigen Männern vorbehalten, heute wird er auch von Kindern, Jugendlichen und Frauen aktiv gepflegt.
Schriftlich erwähnt wird das Tschäggättun erstmals im 19. Jahrhundert, seine Ursprünge gelten jedoch als deutlich älter und sind nicht eindeutig belegt. Eine bekannte Deutung ist die auf eine Volkssage zurückgehende Theorie der Schurtendiebe, wonach sich der Brauch aus früheren Überfällen entwickelt haben könnte, bei denen sich Täter mit einfachen Maskierungen unkenntlich machten. Obwohl sie immer wieder erwähnt wird, gilt sie in der Forschung allerdings inzwischen als spekulativ.
Bis heute ist der Brauch eng mit dem Maskenschnitzen verbunden. Lokale Schnitzer prägen mit ihren Arbeiten Aussehen, Ausdruck und Charakter der Figuren und leisten damit einen wichtigen Beitrag zu dessen Fortbestehen. Die Masken sind dabei nicht nur Teil der Ausrüstung, sondern das sichtbare Ergebnis handwerklicher Tradition, die über Generationen hinweg weitergegeben, gepflegt und bewusst bewahrt wird.
Dass sich der Brauch insbesondere bei Jugendlichen grosser Beliebtheit erfreut, stimmt Ritler zuversichtlich – auch im Hinblick auf das Maskenschnitzen. Nachwuchssorgen gebe es derzeit keine. «Viele probieren es einfach mal aus.» Ihm selbst ist es ein Anliegen, Jugendliche für das Schnitzen zu begeistern. Momentan bringt er es seinem Neffen näher und sorgt so dafür, dass die Tradition auch innerhalb der Familie von Generation zu Generation weitergegeben wird.
Bewahren statt erneuern
Die Arbeit an den wiedergefundenen Masken ist aufwendig und verlangt Geduld. «Damit eine Larve wieder so aussieht wie vorher, braucht es sechs bis zehn Stunden», erklärt Ritler. Nach der Bergung wurden die Masken zunächst grob gereinigt und zwei Monate lang in einem Keller getrocknet, um Spannungsrisse im Arvenholz zu vermeiden. Danach folgen Feinreinigung, das Ausschnitzen und -schleifen der Innenseite und schliesslich das erneute Bekleiden mit Polstern, Fell und Befestigungsvorrichtungen.
Fehlende Teile – etwa eine abgebrochene Nase – werden aus Arvenholz ergänzt, aufgedübelt, geschnitzt und farblich angepasst. «Mir ist es wichtig, die Maske in ihren ursprünglichen Zustand zurückzuführen», sagt Ritler. Veränderungen seien bei der Renovation bewusst tabu. Es gehe darum, den ursprünglichen Charakter zu bewahren – nicht, etwas Neues zu schaffen.
Präzision als Grundlage handwerklicher Arbeit
Für diese filigrane Arbeit sind präzise Werkzeuge unerlässlich. Ritler arbeitet mit Holzbildhauer-Werkzeugen aus hochwertigem Stahl und einer Nass-Schleifmaschine, um die notwendige Schärfe zu gewährleisten. «Ein Schnitzeisen, das nicht schneidet, ist nur noch halb so viel wert», sagt er. Auch die Schleifmaschine sei entscheidend: Nur mit professioneller Technik lasse sich die ursprüngliche Schärfe zuverlässig wiederherstellen.
Unterstützt wird Ritler von Edmund Kalbermatten, Mitinhaber und Co-Geschäftsleiter der r-team Schreinerei in Gampel, der ihm Werkzeuge und Maschinen zur Verfügung stellt. «Bruno hat nach den kräftezehrenden Aufräumarbeiten sofort wieder begonnen, eine Werkstatt einzurichten», sagt Kalbermatten. «Bei ihm treffen sich junge Interessierte, die den Brauch weitertragen wollen.»
Holzhandwerk als verbindendes Element
Für Kalbermatten ist das Maskenschnitzen eng mit dem Holzhandwerk verbunden. «Es wurde seit jeher heimisches Holz verarbeitet. Die bewusste Wahl von Arvenholz und der nachhaltige Umgang mit dem Rohstoff sprechen für die Tradition.» Parallelen zur Schreinerarbeit sieht er viele: das Vorausdenken der Form, das Arbeiten mit der Holzstruktur, der bewusste Umgang mit Holzfehlern. «Ein mächtiger Ast wird bei einer Maske plötzlich zur Nase – genau darin liegt die kreative Stärke.»
Dass Werkzeuge und Maschinen untereinander geteilt werden, sei Ausdruck des Zusammenhalts im Holzhandwerk. «Ohne Holz läuft bei vielen Bräuchen und Anlässen nichts. Wissen, Hilfsmittel und Erfahrung werden weitergegeben.»
Werkzeugkultur mit Weitblick
Auch aus Sicht der Werkzeughersteller spielt Langlebigkeit eine zentrale Rolle. Christine Zulauf, Inhaberin und Geschäftsführerin der F. Zulauf Messerschmiede + Werkzeugfabrikations AG in Langenthal, betont: «Ein gutes Schnitzwerkzeug muss eine hohe Schnitthaltigkeit aufweisen und für feine Details möglichst dünn ausgeschliffen sein.»
Hochwertige Holzbildhauer-Werkzeuge werden aus Spezialstahl gefertigt, sind vielfach nachschleifbar und begleiten Schnitzerinnen und Schnitzer oft über Jahrzehnte hinweg – manchmal sogar über Generationen. «Gerade bei Kulturgütern wie Holzmasken ist diese Qualität entscheidend», sagt Zulauf. Viele Schnitzer hätten Lieblingswerkzeuge, mit denen sie besonders gerne arbeiteten. «Genau diese müssen zuverlässig und langlebig sein.»
Handwerk als Beitrag zur Zukunft
Heute geht es für Bruno Ritler darum, den geborgenen Masken ihre Bestimmung zurückzugeben. «Bis alle wieder so aussehen wie vorher, wird es Jahre dauern», sagt er. Doch jede restaurierte Maske ist ein Schritt hin zur Weiterführung einer lebendigen Tradition.
Was lange Zeit eine leidenschaftliche Freizeitbeschäftigung war, ist im Laufe von über 30 Jahren zu einem festen Bestandteil seines Lebens geworden. Der Bergsturz hat seiner Arbeit an den Masken und Gewändern eine neue Dringlichkeit verliehen. «Früher war das Schnitzen und alles drumherum mein grosses Hobby», sagt er. «Heute geht es darum, wiederherzustellen, was verloren gegangen ist.»
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