Umbau Gelmerhütte
Umbau in Extremlage: Holzbau und Logistik auf 2400 Metern
Auf 2400 Metern treffen präziser Holzbau und anspruchsvolle Logistik aufeinander. Massive Konstruktionen, beschränkte Platzverhältnisse und wechselhafte Bedingungen verlangen von allen Beteiligten höchste Genauigkeit und Teamarbeit.
Beim Umbau der Gelmerhütte SAC im Berner Oberland werden Handwerk, Technik und Logistik auf die Probe gestellt. Das Holztragwerk muss nicht nur den Anforderungen an Lawinen- und Witterungsschutz standhalten, sondern auch präzise vorgefertigt und per Helikopter zur Baustelle gebracht werden. Mit robusten Verbindungssystemen und sorgfältiger Planung entstand auf 2412 m ü. M. eine tragfähige Konstruktion, die Tradition und Technik vereint.
Wenn der Nebel den Bauablauf stoppt
14. Oktober 2025, 13 Uhr – endlich hebt der Helikopter über dem Kieswerk Gerstenegg am Grimselpass ab, um Personen und Material zur Gelmerhütte zu bringen. Stundenlang hatte dichter Nebel über dem Haslital verhindert, dass Swiss Helicopter von der Basis in Schattenhalb-Meiringen losfliegen konnte. Ohne Sicht kein Flug, ohne Flug kein Materialtransport. In Bigbags wird Beton, daneben gebündelter Täfer für die Innenwände, der seit dem frühen Morgen bereitsteht, hinaufgeflogen – alles, was in dieser Woche verbaut werden soll. Oben auf 2412 m ü. M. nehmen Facharbeiter verschiedener Gewerke die Lasten entgegen, man hilft einander.
«Um zu verhindern, dass in solchen Situationen nicht weitergearbeitet werden kann, wurde bei der Hütte Platz geschaffen, um das Material lagern zu können», sagt Roman Maurer, Co-Geschäftsleiter der Maurer & von Bergen AG und Projektverantwortlicher für die Holzbauarbeiten. So können die Arbeiter vor Ort, die sich während der Woche permanent auf der Baustelle aufhalten, ständig auf Material zurückgreifen. «Das wiederum bedingt eine vorausschauende Planung», so Maurer, der in Absprache mit Swiss Helicopter auch die Transportflüge koordiniert und von Erfahrungswerten bei vergleichbaren Projekten im alpinen Hochgebirge profitiert.
Alle am Projekt beteiligten Unternehmer melden sich jeweils bis am Donnerstagmittag bei ihm, um die Anzahl Personen auf der Baustelle und das benötigte Material anzumelden. Das macht den Umbau der Gelmerhütte zu einem aussergewöhnlichen Projekt, bei dem Logistik und Handwerk zu einem hoch koordinierten Ablauf verschmelzen.
Umbau statt neu bauen
Die Gelmerhütte der SAC-Sektion Brugg wird nicht neu gebaut, sondern behutsam modernisiert. Das Konzept des Weiterbauens setzt darauf, Vorhandenes zu erhalten und nur dort zu ergänzen, wo es notwendig ist. Bestehende Natursteinfassaden bleiben erhalten und werden mit Stein aus der Umgebung ergänzt, der First wurde leicht angehoben, das Dach auf der Nordseite abgeflacht. So entsteht ein einheitliches Gebäudevolumen, das sich nahtlos in das gewachsene Terrain einfügt.
Für die Holzbauarbeiten bedeutete dies, eine Konstruktion zu entwickeln, die die alten Bauteile mit neuen verbindet und gleichzeitig den aktuellen Anforderungen an Statik, Brand- und Lawinenschutz gerecht wird. Das Resultat ist eine massive, tragfähige Holzkonstruktion, die trotz ihres Gewichts so vorbereitet wurde, dass sie sich mit möglichst wenigen Helikopterflügen montieren lässt. «Was den Bauablauf und die Aufrichtdauer anbelangt, ist diese Bauweise nicht unbedingt ein Vorteil», ordnet Roman Maurer die anspruchsvolle Vorgehensweise ein.
Holzbau in alpiner Umgebung – Präzision im Millimeterbereich
Der Bau auf über 2400 Metern verlangt logistische Höchstleistung. Jedes Kilo zählt: Pro Helikopterflug dürfen maximal 800 Kilogramm transportiert werden. Entsprechend werden die Bauteile werkseitig vorgefertigt, exakt verschraubt und flugtauglich gebündelt. Bei der Hütte muss jedes Element in der richtigen Reihenfolge bereitliegen – ein komplexes Puzzle, das bis zu 25 Flüge pro Tag erfordern kann.
Die tragende Holzkonstruktion ist ein Skelettbau aus Pfosten, Streben und Unterzügen, verbunden mit Massivholzdecken, die im Verbund die Aussteifung übernehmen. «Die Lawinenlasten waren ausschlaggebend für die Beschaffenheit des Tragwerks», erklärt Roman Maurer. «Und es sollte möglichst wenig verleimtes Holz eingesetzt werden.» So setzt sich die Holzkonstruktion – abgesehen von einzelnen Bauteilen wie den Hauptbindern der Dachkonstruktion aus Brettschichtholz oder den 14,5 Meter langen, verleimten Dachzangen – hauptsächlich aus ofentrockenem Vollholz zusammen, das sich noch verdrehen kann, bis es auf der Baustelle eintrifft. «An gewissen Stellen musste deshalb bewusst ein gewisser Spielraum eingeplant werden, sodass die einzelnen Komponenten zusammenpassen.»
Aufbau der Holzkonstruktion
Das Tragwerk besteht aus einer Skelettkonstruktion mit Pfosten, Streben und Unterzügen. Die Primärkonstruktion übernimmt die tragenden Funktionen und leitet die Lasteinwirkung durch Lawinen, Steinschlag, Schnee und Eigenlast in das Fundament und in das Natursteinmauerwerk ab. Die Sekundärkonstruktion bilden die innenliegenden nichttragenden Wände aus Holzbauelementen und Decken aus 15 cm dicken Massivholzdielen.
Die Giebelwand auf der Ostseite ist mit zusätzlichen Streben verstärkt und über das betonierte Erdgeschoss im Fels verankert, um möglichen Lawinen standhalten zu können. Eingebohrte Verankerungen, die mit Beton vergossen und mit den Wandelementen rückverbunden sind, sorgen für eine formschlüssige Verbindung zwischen Holzkonstruktion und Natursteinmauerwerk.
Die Dachkonstruktion mit vier BSH-Bindern als Haupttragachsen weist aufgrund der Lawinenanforderungen ungemein viel Holz auf: Die Sparrenpfetten haben einen Querschnitt von 16 auf 26 cm, mit einem Sprungmass von 46 cm. Diese werden vollflächig von 50 mm dicken Dreischichtplatten gedeckt, die zusätzlich Durchschlagssicherheit bieten. Die Konterlatten wurden auf der Nordseite, wo die Lawine erwartet wird, in einem Abstand von 25 cm verlegt. Dadurch befinden sich 2,5 Mal so viel Latten wie sonst üblich auf dem Dach.
Die Arbeiten finden in Etappen statt: Nach dem Rückbau der alten Dachkonstruktion folgte das Aufrichten des neuen Tragwerks, bevor mit dem Innenausbau begonnen werden konnte. Die Montage verlief unter wechselnden Wetterbedingungen, begleitet von Wind, Nebel und Schnee – und einem eingespielten Team, das viele Arbeitswochen am Stück vor Ort lebte und arbeitete. «Das Projekt wird bei der Vollendung im Frühling 2026 von der Planung bis zur Fertigstellung um die zwei Jahre gedauert haben», sagt Roman Maurer. «Das ist eher aussergewöhnlich.»
Verbindungselemente als Schlüssel im massiven Holzbau
Da die Gelmerhütte vom SAC in die rote Lawinengefahrenzone eingeteilt wurde, mussten spezifisch auf den Standort zugeschnittene Auflagen zur Erstellung des Tragwerkkonzepts berücksichtigt werden. «Im Tragwerk stecken bis zu dreimal mehr Verbindungsmittel drin als bei einem vergleichbaren Gebäude im Tal», verdeutlicht Roman Maurer die herausragende Rolle der Befestigungstechnik. Damit die Konstruktion den enormen Schneelasten und dem Lawinendruck standhält, wurde sie bewusst massiv ausgeführt.
Zum Einsatz kamen verschiedene Systeme, die genau auf diese Anforderungen abgestimmt sind: Für das Primärtragwerk (Pfosten, Streben, Unterzüge) wurden Schlitzblech und Stabdübel verwendet, Unterzüge mit Sherpa-Verbindern eingehängt. «Das war eine grosse Herausforderung, weil sie fast keinen Spielraum für die Montage bieten.», sagt Roman Maurer. Vollgewindeschrauben VGZ und VGS sowie Tellerkopfschrauben sorgen für die kraftschlüssige Verbindung der Holzbauteile. An den Übergängen zum Beton wurden Verbundanker eingesetzt, die dafür sorgen, dass die Lasten dauerhaft in den Untergrund abgeleitet werden.
Die Ankerstange wird in das mit einer Verbundankerpatrone gefüllte Bohrloch eingesetzt. Beim Eindrehen zerdrückt sie die Patrone, das Harz vermischt sich und bindet den Anker dauerhaft im Beton ein. Das System ersetzt klassische Dübel- oder Mörtelbefestigungen und hat den Vorteil, ohne Mischabfälle oder Materialreste auszukommen. Auf der Gelmerhütte wurden auf diese Weise rund 250 Verankerungspunkte im Beton gesetzt.
Da aufgrund beschränkter Platzverhältnisse und Helikopterflüge die Konstruktion zügig aufgerichtet werden musste und nach einfach montierbaren Verbindungen verlangte, die die Arbeiter vor Ort beherrschen, war es umso wichtiger, dass auf anwenderfreundliche Befestigungstechnik zurückgegriffen werden konnte. «Es ist entscheidend, dass die einzelnen Komponenten einfach zu montieren und leicht sind», sagt Marco Röthlisberger, Leiter Holzbau bei der IMMER AG. Ausserdem müssten sie bei Projekten unter ähnlichen Bedingungen erprobt worden und gesetzlich zugelassen sein. Der Sherpa-Verbinder aus hochfestem Aluminium erfülle diese Kriterien. «Auf einer solchen Baustelle zählt jedes Kilo.»
Zusammenarbeit von Handwerk, Fachhandel und Hersteller
Die Auswahl solcher Verbindungsmittel erfolgt nicht nach Bauchgefühl. «Bei diesem Projekt gab es relativ viele Verbindungen, die die Statik betreffend relevant sind. Es war daher praktisch, in der Arbeitsvorbereitung auf Schraubenprodukte mit einer entsprechenden Dokumentation wie bei Rothoblaas zurückgreifen zu können», sagt Roman Maurer. Im Unterschied zu einer Holzbautabelle böten die spezifischen Angaben zu einzelnen Produkten den Vorteil, dass die Leistungsfähigkeit der Komponenten ausgereizt und dadurch effizienter gearbeitet werden kann.
Aufgrund der erschwerten logistischen Herausforderungen mit Helikopterflügen kam einer termingerechten Beschaffung höchste Priorität zu. «Unsere Aufgabe war es sicherzustellen, dass alle Komponenten zum vereinbarten Zeitpunkt geliefert werden», betont Markus Schmocker, Aussendienstmitarbeiter bei der IMMER AG, der das Projekt betreut hat.
Der Umbau der Gelmerhütte zeigt exemplarisch, wie Wissen, Erfahrung und Materialkompetenz ineinandergreifen: Maurer & von Bergen nutzte die technischen Unterlagen von Rothoblaas, die über den IMMERonlineshop zugänglich sind, um die optimalen Verbindungselemente zu bestimmen, die IMMER AG stellt mit Beratungskompetenz sicher, dass solche herausfordernden Projekte möglichst effizient umgesetzt werden können.
«Wir halten unsere Kundinnen und Kunden gezielt über die Entwicklungen in der Befestigungstechnik auf dem Laufenden», sagt Markus Schmocker. «Damit können wir zusammen statische Anforderungen berücksichtigen und die für sie optimale Verbindung finden», fügt Marco Röthlisberger an. So entstehen Lösungen, die selbst unter extremen Bedingungen zuverlässig funktionieren.
Teamarbeit und Technik auf 2400 Metern
Der Umbau der Gelmerhütte ist ein Beispiel dafür, wie Handwerk, Logistik und Technik in anspruchsvoller Umgebung zusammenspielen. Zwischen Fels und Wolken entstand auf über 2 400 Metern eine tragfähige Holzkonstruktion, die das historische Erscheinungsbild der Hütte bewahrt und zugleich höchsten Sicherheitsanforderungen genügt.
«Wenn man so lange mit der Planung und Arbeitsvorbereitung beschäftigt war, ist es ein eindrücklicher Moment, wenn alles so zusammenpasst, wie es angedacht wurde», zeigt sich Roman Maurer mit dem Resultat des Aufrichtens des Tragwerks zufrieden. Er hat sich einen Monat lang von Montag bis Freitag ständig auf der Baustelle aufgehalten, um den Prozess bis zur Fertigstellung begleiten und sein Team unterstützen zu können.
Wo Nebel, Schnee und Wind den Takt vorgeben, zählt jede Vorbereitung, Verbindung und Schraube. Und wenn der Helikopter wieder abhebt, um zurück ins Tal zu fliegen, verfestigt sich der Eindruck, dass hier oben etwas Aussergewöhnliches geschaffen wurde.
Interesse an einer persönlichen Beratung?
Unsere Experten rund um Befestigungstechnik kennen alle Details und beantworten gerne Ihre Fragen. Kontaktieren Sie uns – wir freuen uns auf Ihre Anfrage!
Unsere Spezialisten
rund um Befestigungstechnik





